Familienunternehmer und Firmenjäger
1 Okt

Familienunternehmer und Firmenjäger

  • By: ZEITFRACHT Gruppe
  • Presseartikel
  • Kommentare deaktiviert für Familienunternehmer und Firmenjäger

Berlin, 01. Oktober 2020. Der Ex-Banker Wolfram Simon-Schröter baut den Logistiker Zeitfracht zu einem Alleskönner um. Nun hoffen er und seine 50 Beteiligungsspezialisten auf neue Gelegenheiten, günstig Firmen zu kaufen.

Von den Schwächen des Wolfram Simon-Schröter (40) konnten sich Millionen Menschen im Fernsehen überzeugen. Anfang 2019 trat der schlaksige Mann – Typ: ewiger Junge – als „Undercover Boss“ in der gleichnamigen RTL-Reihe auf. Mit einer abenteuerlichen Perücke verkleidet und inkognito schrubbte er Schiffe und Maschinen, teilte als Flugbegleiter sein Lächeln und Orangensaft aus – alles im eigenen Unternehmen, der Zeitfracht Gruppe. Lag es an der ungewohnten körperlichen Arbeit? Lag es an garstigen Begleitumständen wie Möwenschiss? Das Urteil seiner Vorarbeiter jedenfalls fiel durchwachsen aus. Mal hieß es, er habe sich „matschig-maulig“ benommen, mal war er „zu flapsig“ und nicht sonderlich belastbar.

Wie es hingegen um seine Stärken steht, weiß trotz der kurzzeitigen Publicity kaum jemand. Dabei hat er einige vorzuweisen. Wolfram Simon-Schröter ist Vordenker und Anführer einer der erstaunlichsten Unternehmensgruppen des Landes. Wobei der Anteil seiner Frau Jasmin Schröter (36) nicht unterschlagen werden darf. Die Betriebswirtin ist die Eigentümerin der Firma, strategisch immer involviert und praktisch täglich im Büro. Nur auf ein offizielles Amt verzichtet sie. Zum Rebellen adelt Simon-Schröter, dass er gegen die Glaubenssätze einer ganzen Branche verstößt und damit erstaunlichen Erfolg hat. Bei Zeitfracht – der Name sagt’s – geht es um Logistik. Und in diesem Metier können nach gängiger Doktrin nur globale Giganten bestehen oder aber Hyperspezialisten. Zeitfracht ist weder das eine noch das andere. Kein Gigant, sondern ein Familienbetrieb ansehnlicher Größe. Mit Zahlen wird zwar gegeizt, doch der Inlandsumsatz soll bei 600 Millionen Euro liegen, erbracht von 2700 Beschäftigten.

Von extremer Spezialisierung kann bei Zeitfracht erst recht keine Rede sein, vielmehr von einem Gemischtwarenladen. Zum Konstrukt gehören gut zwei Dutzend Firmen, darunter: eine Spedition, eine Fluglinie und eine Flugschule, ein Versorgungstechniker, ein Elektrohändler, der größte Buchgroßhändler des Landes, eine Spezialreederei (Opus Marine), Immobilien und manches mehr. Aber es funktioniert. Zeitfracht gedeiht, sogar in Corona-Zeiten. „In unserer 93-jährigen Geschichte haben wir noch nie einen Verlust erlitten“, sagt Simon-Schröter, „und das soll auch in diesem Jahr so bleiben.“ Wie fidel der Laden ist, verbirgt die Zentrale: ein fades Industriegemäuer in Berlin-Tegel, unweit des Flughafens und kaum schöner als der Jugendknast direkt nebenan. Nur die edlen Karossen vor dem Eingang deuten auf Prosperität. Als Bronzestatue verewigt, scheint der Patron Horst Walter Schröter (1927–2013) im Foyer gerade zu einer jovialen Bemerkung anzusetzen.

Sein Vater Walter war es, der 1927 den Vorgänger pflanzte, ein Fuhrunternehmen in Stendal. Sohn Horst Walter gründete es nach dem Krieg neu und – nach seiner Flucht aus der DDR – noch mal, in Berlin. Der Mann war auch ein Rebell. 1970 führte er höchst innovativ einen festen Fahrplan (Just in Time) ein, daher der Name Zeitfracht. 1976 war er Mitgründer eines der ersten Postrivalen, des Deutschen Paketdienstes (DPD). 2011 übertrug er Zeitfracht seiner Großnichte Jasmin Schröter. Und schärfte ihr ein, dass nur Bestand hat, was sich wandelt. „Ihr müsst das Unternehmen komplett umbauen!“, war eine seiner letzten Mahnungen. Die neue Eignerin hielt sich dran, lotste ihren Ehemann Wolfram – Betriebswirt, Ex-Banker und selbst ein erfolgreicher Investor – ins Unternehmen. Ganz im Sinne des Patrons verkauften sie 2016 die letzten DPD-Anteile an die französische Post. Und begannen mit dem großen Umbau. Der neue Chef Wolfram Simon-Schröter packte an, als führe er einen Private-Equity-Fonds. Vor allem spähte er nach Pleitefirmen mit Potenzial. Entscheidende Voraussetzung: Es muss ein logistischer Kern in dem Geschäft schlummern, den die Alteigner übersehen hatten. Der Buchgroßhändler KNV, 2019 aus der Insolvenz gekauft, ist so ein Fall. Er verstand sich als Teil des Verlagswesens. Simon-Schröter hingegen erkannte die ungenutzten Möglichkeiten des logistischen Apparats – und nutzt sie. Das kolossale Lager in Erfurt steckt heute hinter vielen Onlineangeboten anderer, darunter auch Amazon, und das nicht nur bei Büchern.

Inzwischen ist die Firmenjagd zu einer eigenen Abteilung angewachsen, mit rund 50 Übernahmeprofis. Einen Unterschied allerdings gibt es zu typischen Beteiligungsfonds, und Simon-Schröter verkündet ihn nach jedem Kauf vor der Belegschaft: „Wir sind gekommen, um zu bleiben!“ Weiterverkäufe kommen bei ihm höchst selten vor. Auch Flops sind die Ausnahme. Der letzte bekannte war die Dortmunder Fluglinie LGW, eine frühere Air-Berlin-Tochter. LGW war als Hilfstrupp von Eurowings gut im Geschäft, fiel aber Corona zum Opfer. Immerhin: Die Fluglinie WDL, die auch zu Zeitfracht gehört, lebt noch, mit fünf 100-Sitzer-Jets und neuerdings einem pompösen Namen: German Airways. Die Hasardeurssitten mancher Investoren sind dem Firmenjongleur fremd. Er sieht seine Zukäufe als Risikostreuung an und sichert sich zusätzlich mit prominenten Experten ab. In seinem Aufsichtsrat sitzen etwa die Altmanager Thomas Winkelmann (60; Germanwings, Air Berlin) und Thorsten Dirks (57; Telefónica, Lufthansa).

Nur eins ist ihm gründlich misslungen. Im April zog er sich auf den Posten des Finanzchefs zurück, um mehr Zeit für Strategisches zu haben; der bisherige operative Chef Dominik Wiehage (43) übernahm. Zu Corona-Krisenzeiten blickten alle wieder auf ihn, Simon-Schröter, nun Liquiditätswart. Eine ungeplante Rückkehr – als Undercover-Boss.

© 2019 Zeitfracht | www.zeitfracht.de